Begegnung in Hameln

Begegnung in Hameln:  2003


Ein Freund, ja mehr noch ein Bruder war zu Besuch bei uns. Wir hatten uns auf diese Begegnung gefreut, und ich sagte unwillkürlich, daß wir doch nach Hameln fahren möchten und wer weiß, vielleicht treffen wir Jesus. Wir waren alle in einem Hochgefühl, und von daher waren diese Worte auch keine Blasphemie, sondern waren schon tief aus dem Herzen.


Die Kinder waren begeistert, und so fuhren wir denn auch schon los, und wir zeigten unserem Besucher einige schöne Stellen in dem Städtchen, u.a. auch den Dom und das Hochzeitshaus mit seinem Glockenspiel. Hameln ist bekannt wegen der Geschichte vom Rattenfänger und besitzt wunderschöne Sandsteinhäuser, auch Fachwerkhäuser aus früheren Zeiten, die nach dem Krieg und vor allem in den 60er Jahren wieder vollständig hergerichtet wurden.


Wir standen nun vor der großen Treppe am Marktplatz auf der Seite, wo sich über uns das Glockenspiel des Hochzeitshauses befindet. Es war um die Mittagszeit, aber das Glockenspiel mit der Rattenfängerthematik hatten wir vorerst verpaßt, allerdings kannten wir es, denn wir kennen diese Stadt, die sich unweit unserer Heimat befindet auch sehr gut. Aber wir hätten es gerne unserem Bruder gezeigt. Etwas später würden die Figürchen wieder hervorkommen, aber solange gedachten wir auch nicht zu bleiben. Jedenfalls standen wir 4 Personen (2 Kinder und R. + ich) dort herum und schauten nach oben, als die beiden Jungs plötzlich erstarrten und zu mir hinauf schauten, denn ich stand auf der oberen Stufe - etwas oberhalb von ihnen.


Sie hörten mir nicht mehr zu und waren ganz gebannt von etwas, was neben mir stehen mußte, und ich hörte, wie sie leise und völlig überrascht: „Jesus! Jesus! Jesus!“ sagten. Das überraschte mich nun, und ich drehte mich zur Seite, und ca. einen Meter neben mir stand unerklärlicherweise jemand, der da vorher nicht gewesen war. Es war ein junger Mann um die dreißig in einer jüdischen Tracht mit langen Locken und einem kleinen Hütchen auf dem Kopf, und er wirkte so, als wenn er genau dort hingehören würde. Also nichts, was irgendwie fremd war. Mir kam er sehr bekannt vor, und da ich selbst als Lieblingsbild Jesu das Bild nach den Angaben der Faustina schätze, so fiel mir zwar eine Ähnlichkeit auf, aber es paßte irgendwie nicht zu der Bekleidung, und ich selbst hing dann irgendwie innerlich fest.


Ich schaute dabei zu den Kindern und rief sofort aus, daß ich den Mann kennen würde, aber das sei nicht Jesus. Mir war gar nicht bewußt, daß dieser Mann ja neben mir stand, - wie überhaupt alles anders war. Nichts um uns herum sprach uns an. Es gab nur den jungen Menschen und uns, genaugenommen gab es in diesem Moment nur Jesus und mich, und doch getraute ich mich nicht, Ihn zu erkennen. Also drehte ich mich wieder zu den Kindern und unserem Besuch und dann wieder zu Ihm hin – und Er war weg. Für uns völlig überraschend war Er weg, und wir hätten es bemerken müssen, denn auf einer großen Treppe auf einem großen und freien Platz verschwindet niemand einfach so.


„Oh Papa!“ riefen die Kinder, „Das war Jesus!“ Ich war völlig zerknirscht, denn sie hatten recht, es war Jesus, und wir schwiegen dann innerlich bestürzt, und ich fühlte mich nicht so gut. „Okay!“, sagte ich dann: „wenn wir Ihn wiedersehen, dann stürzen wir auf ihn zu, und dann kommt Er uns nicht so einfach davon!“ Wir gingen mit diesem Kompromiß irgendwie weiter, und jeder fühlte sich dann innerlich beschwingt.


Als wir dann in einem kleinen Bücherladen von „Weltbild“ standen, sahen wir, wie Jesus in der Ecke der Religionsbücher stand. Er drehte sich um und kam uns entgegen, und wir standen nur da - und kurz bevor Er bei uns war – war Er weg. Ich weiß nicht, wie wir reagiert hätten, aber es war schon ein unglaublich großartiges Gefühl. Uns war die ganze Bedeutung dieses Vorfalls in diesem Moment nicht so bewußt, wir waren ein wenig betäubt, und erst später wurde uns klar, was da geschehen ist.


Jahre vorher, schon bei der Lektüre des Lorberwerkes, war es der sehnlichste Wunsch von mir und meinem Bruder, daß wir Jesus so konkret sehen wollten, wie wir es diesmal getan hatten. Doch damals hatten wir Ihn nicht gesehen oder wir waren noch zu unreif gewesen und konnten Ihn deshalb vielleicht auch nicht erkennen. Bei dieser Begegnung erinnerte ich mich an die Heftenreihe von Max Seltmann und besonders daran, wie traurig Ursus war, weil er den Vater nicht rechtzeitig angetroffen hatte – und dann war Er da.